Trauma und Dissoziation

Normale Version: Was ist DIS?
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Ich wundere mich immer wieder, dass man über DIS häufig nur liest, was mit den  Anteilen ist und die Amnesien und all das klar. Logisch, wer eine DIS mit Alltagsamnesien hat, der hat ein gewaltiges Problem, sein Leben zu führen. Diese  Symptome werden ihm wohl als erstes bewusstwerden und klar macht das Angst, dass man die Kontrolle verliert, wenn andere Anteile agieren und man Zeitlücken hat. Da ist Ärger mit der Umwelt vorprogrammiert.

Ich hab' eine DIS ohne Alltagsamnesien, dh, ich weiß, was passiert, aber teilweise steht man eben auch nur neben sich, wenn andere Anteile übernehmen und kann nur zuschauen, was da abgeht.

Wenn ich an DIS denke, dann denke ich nicht zuerst an Anteile, an andere Persönlichkeitsanteile oder sowas, sondern unter DIS verstehe ich vor allem eins:

Angst, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit, Depressionen, Kontrollverluste, dass das Leben auseinander fällt, Unfähigkeit, etwas zu tun, unfähig, etwas geplant zu tun, Verlust der  Verlässlichkeit in die Welt, in die Menschen, in sich selbst. Man kann auf nichts und niemanden mehr verlassen.

Die psychischen Schmerzen.

Die Unfähigkeit, jemandem nochmal vertrauen zu können.

Der Ekel vor den Menschen.

Die Angst vor dem, was geschehen wird.

Der Kampf im Inneren.

Die Perspektivlosigkeit.

Der Hass und die Wut auf die, die einem das angetan haben.

Die Unfähigkeit, das alles im Gehirn begreifen zu können.

Das Unbegreifliche nicht begreifen können und der zwecklose Versuch, anderen Menschen klarzumachen, wie es in einem aussieht.

Das Rumschleichen und Testen um Helfer, denen man nicht trauen kann, aber auf die man angewiesen ist, nicht, weil man leben wollte, sondern eher, weil man noch nicht sterben kann und weil das Zwischendrin, diese Schattenexistenz mit sovielen Schmerzen unerträglich ist.

Ja, ich glaube, dass das Schlimmste an der DIS die Angst ist, die psychischen Schmerzen und die Einsamkeit und die Hoffnungslosigkeit.

Alles Andere sind für mich nur Randthemen. Das, was andere beunruhigt, die Suizidalität oder die SV oder die Magersucht oder die Fressanfälle, das Streiten mit anderen Menschen oder der Rückzug, das ist alles nur sekundär. Aber das Primäre ist, wie man leben soll, nachdem Menschen sich in socher  Brutalität und so früh im Leben über einen hergemacht haben.

Das denke ich, ist das zentrale Thema, wie man nach dem, was man erlebt hat, nach dieser immensen zwischenmenschlichen Enttäuschung, häufig in Serie noch leben können soll, noch sozial eingebunden sein kann in diese menschliche Gemeinschaft.

Man wird schon regelrecht parnoid, weil man Angst hat, dass einem wieder jemand so was antut und man weiß einfach vorher nicht, wer das dann sein könnte. So stehen alle Menschen unter Generallverdacht und das ist das Problem, das man eigentlich hat, dass man niemandem mehr vertrauen kann.

Das ist eigentlich das, was einem die Täter antun, dass sie einem die Zukunft unmöglich machen und das macht einen ungeheuren Druck. Auf der einen Seite will man nicht mehr alleine sein, sucht  Schutz und wenn jemand da ist, hält man den nicht aus, weil man Angst hat, dass der auch austickt und einen auch nur zusammenhaut.

Die Flashs sind schrecklich, dieses ständige Gefühl der Bedrohung, kein Abschalten möglich, kein Ort der Welt ist sicher genug, denn die Angst nimmt man im Kopf überall mit hin.

Das Allerverheerendste ist wohl, dass man niemanden mehr an sich ran lassen kann, weil man so schwer verwundet ist, dass alles diese unerträglichen Schmerzen und Ängste triggert, dass man einfach nicht mehr sich emotional auf Menschen einlassen kann und wenn's einem doch passiert, dass die Verlustangst alles kaputt macht.

Die Verlustangst der kindlichen Anteile in einem gehört mit zu den schlimmsten Problemen, die es auszuhalten gilt, aber sind auch schwierig im Alltag, in der Therapie und auch schwierig zu therapieren. Da kommen ganz viele Therapeuten massiv an ihre Grenzen, wissen auch gar nicht, was sie machen sollen. Das ist ein Schritt in der Therapie, der mitunter der schwierigste Akt überhaupt ist. Wenn's nur noch in den Extremen geht, entweder ganz wegbleiben von Menschen oder ganz eng dran sein und klammern, dann geht das für keinen in der Beziehung gut. Und das sehe ich auch das Problem, am Kranksein. Vielleicht schafft man es, sich zu organisieren und zu arrangieren, aber die selbe Belastbarkeit wie ein gesunder Mensch hat, wird man nie kriegen. Emotional ist es noch schlimmer, man bleibt immer irgendwo der Schwächere und das führt zum Machtungleichgewicht in Beziehungen und damit auch zu Beziehungsproblemen und Reviktimisierung. Alles ist verzahnt.